3 Frauenforschung


Frauenforschung

Frau|en|for|schung, die <o. Pl.>:
Forschung u. Lehre, die ausdrücklich von weiblichen Bedürfnissen, Sichtweisen u. Interessen ausgeht u. sich mit Frauen betreffenden Themen beschäftigt.

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Frauenforschung,
 
feminịstische Wissenschaft, deutsche Bezeichnung für die in den USA unter dem Begriff Women Studies (seit 1969 selbstständiger Studiengang mit akademischem Abschluss) entstandene Forschung und Lehre, die ausdrücklich von weiblichen Bedürfnissen, Sichtweisen und Interessen ausgeht. Die Frauenforschung hat folgende Aufgabenstellungen und Zielsetzungen: 1) die wissenschaftliche Untersuchung von bisher allenfalls am Rande behandelten Frauenthemen innerhalb der verschiedenen Disziplinen, wobei vergessene oder verdrängte kulturelle und wissenschaftliche Leistungen von Frauen aufgearbeitet werden sollen; 2) die theoretische Fundierung der praktischen politischen Arbeit der Frauenbewegung (»akademischer Arm der Frauenbewegung«); 3) eine »weibliche« Art von Wissenschafts-Betrieb und -Methode, bei der ganzheitlichen und personenzentrierte Erkenntniswege sowie Kollegialität und Gruppensolidarität an die Stelle von mechanistischer Wissensvermittlung, hierarch. Strukturen und Abstraktion treten sollen.
 
In Deutschland gibt es Lehrstühle für Frauenforschung an der Universität Frankfurt am Main (seit 1987) und an der FU Berlin (seit 1988), Professuren (zum Teil befristet) an den Universitäten Osnabrück, Bonn, Paderborn und Bielefeld. In Bielefeld wurde auch eine interdisziplinäre »Forschungsgruppe Frauenforschung« (IFF) eingerichtet sowie an der FU Berlin die »Zentraleinrichtung zur Förderung von Frauenstudien und Frauenforschung« (ZE). Neben autonomen Frauenbildungs- und -forschungseinrichtungen wie dem »Feministischen Archiv und Dokumentationszentrum«, Frankfurt am Main, gibt es als außeruniversitäre Einrichtung das vom Land Niedersachsen 1981 gegründete Forschungsinstitut »Frau und Gesellschaft«, Hannover.
 
Die Frauenforschung konnte sich seit Mitte der 1980er-Jahre in Deutschland quantitativ und qualitativ im Bereich der Wissenschaft und der öffentlichen Aufmerksamkeit etablieren. Auch in den Bereichen Verwaltung und Politik werden zunehmend Ergebnisse der Frauenforschung zur Kenntnis genommen, wenn auch die mit Frauenforschung zunächst verbundene Vorstellung, zentrale Forderungen der Frauenbewegung gesellschaftlich, also z. B. in Form von juristischen oder sozialpolitischen Regelungen durchsetzen zu können, sich keineswegs erfüllt hat. Zudem scheint im politisch veränderten Klima in Deutschland, in Europa und in den USA nach dem Ende des Ost-West-Konflikts und der deutschen Einheit von 1990 das Interesse der Öffentlichkeit und der politischen und gesellschaftlichen Entscheidungsträger an Themen der Frauenforschung eher abgenommen zu haben. Zumindest für die USA wird dies seit Beginn der 1990er-Jahre unter dem Begriff »backlash« (Rückschlag) diskutiert.
 
Für den gegenwärtigen Stand der Frauenforschung ist die Ausweitung beziehungsweise Ablösung des Konzepts der Frauenforschung durch den erweiternden Begriff der Geschlechterforschung (»gender studies«) von zentraler Bedeutung, der darauf verweist, dass Weiblichkeit, soziale Stellung von Frauen und Frauenbilder kulturell vermittelt sind und sich jeweils im Gegenbezug zu entsprechend gesellschaftlich, historisch und kulturell bestimmten »Männer-Bildern« untersuchen lassen. Während es so im Zusammenhang mit postmodernen Wissenschafts-Vorstellungen auf der einen Seite möglich wurde, die radikal gesellschaftliche Konstruktion der Geschlechterrollen zu thematisieren, hat sich demgegenüber auch eine umstrittene, zumindest aber in den Medien und auf dem Buchmarkt beachtete Gegenposition eingestellt, die eine »naturgegebene« Differenz der Geschlechter zum Ausgang feministischer Kulturtheorie und ihrer politischen und kulturellen Forderungen nimmt.
 
Neben diesen in den Bereichen der Anthropologie und der Wissenschaftsteorie zielenden Konzeptionen gibt es in der Frauenforschung in den letzten Jahren v. a. vier Schwerpunkte: Erstens die Erforschung weiblicher Lebenszusammenhänge und Sozialisationsmuster, die einerseits unter der These einer »doppelten Vergesellschaftung« von Frauen untersucht wurden; andererseits wurde eine Diskussion über die mögliche Spezifik einer weiblichen Moral (die nicht so sehr auf das Durchsetzen abstrakter Normen und Werte ziele, sondern eher an situationsbezogenen, Zusammenhänge konstituierenden Handlungen orientiert sei) in Gang gesetzt. Zweitens beschäftigte sich Frauenforschung intensiv mit der Stellung von Frauen innerhalb der gesellschaftlichen Arbeitsorganisation und hier im Besonderen mit der Bedeutung weiblicher Arbeitskraft für die Reproduktion der männlichen Arbeitsfähigkeit durch »unbezahlte Hausarbeit«. Ein dritter Arbeitsbereich aktueller Frauenforschung befasst sich mit Gesellschaftstheorie, also der Analyse der traditionellen und gegenwärtigen gesellschaftlichen (patriarchalen) Strukturen, und ebenso mit dem Wechselbezug der gesellschaftlichen Ausgrenzungen von Frauen zu anderen Ausgrenzungen, etwa im Bereich der Migration, des Rassismus und im Bereich der Unterdrückung von Minderheiten. Frauen treten dabei v. a. als Opfer von Diskriminierung, aber auch als Täterinnen, z. B. im Zusammenhang mit dem Nationalsozialismus, dem Kolonialismus und auch aktuellen rechtsextremistischen Orientierungen, in den Blick. Schließlich sind viertens die Bereiche der Wissenschafts-Kritik und der Geschichte zu nennen; in beiden waren Frauen weitgehend ausgeschlossen, sodass sich Frauenforschung hier einerseits der Erkundung und Erforschung der Geschichte von Frauen zugewendet hat, andererseits wissenschaftstheoretisch (»epistemologisch«) Gründe, Formen und Spuren der Verdrängung von Frauen aus dem Bereich der Wissenschaften aufzuarbeiten sucht. Internationale Beachtung fand die Frauenforschung auf der 4. Weltfrauenkonferenz der UNO in Peking (1995).
 
 
E. F. Keller: Liebe, Macht u. Erkenntnis. Männl. oder weibl. Wiss.? (a. d. Engl., 1986);
 
Geschlecht u. Gesch. Ist eine weibl. Geschichtsschreibung möglich?, hg. v. M. Perrot (a. d. Frz.,1989);
 
Frauen leben Widersprüche. Zwischenbilanz der F., Beitrr. v. S. Metz-Göckel u. E. Nyssen (1990);
 U. Beer: Geschlecht, Struktur, Gesch. Soziale Konstituierung des Geschlechterverhältnisses (21991);
 S. G. Harding: Feminist. Wiss.-Theorie. Zum Verhältnis von Wiss. u. sozialem Geschlecht (a. d. Amerikan., 21991);
 
Feminist. Soziologie. Eine Einf., Beitrr. v. B. Brück u. a. (1992);
 C. Honegger: Die Ordnung der Geschlechter. Die Wiss.en vom Menschen u. das Weib. 1750-1850 (21992);
 E. Beck-Gernsheim: Das halbierte Leben. Männerwelt Beruf, Frauenwelt Familie (28.-29. Tsd. 1993);
 S. Faludi: Die Männer schlagen zurück. Wie die Siege des Feminismus sich in Niederlagen verwandeln u. was Frauen dagegen tun können (a. d. Engl., 1993);
 
Frauen in Dtl. 1945-1992, hg. v. G. Helwig u. a. (1993);
 
F. in universitären Disziplinen, hg. v. U. Pasero u. F. Braun (1993);
 
Gesch. der Frauen, hg. v. G. Duby u. M. Perrot, 5 Bde. (a. d. Ital., 1993-95);
 
Differenz u. Differenzen. Zur Auseinandersetzung mit dem Eigenen u. dem Fremden im Kontext von Macht u. Rassismus bei Frauen, hg. vom Inst. für Sozialpädagog. Forschung Mainz e. V. (1994);
 J. Butler: Das Unbehagen der Geschlechter (a. d. Amerikan., 51995);
 
Frauenstudien u. F. im internat. Vergleich, hg. v. H. Kramer (1995);
 U. Gerhard: Unerhört. Die Gesch. der dt. Frauenbewegung (20.-22. Tsd. 1995);
 M. A. Kreienbaum: Erfahrungsfeld Schule. Koedukation als Kristallisationspunkt (21995);
 G. Lerner: Frauen u. Gesch., Bd. 1: Die Entstehung des Patriarchats (a. d. Engl., Neuausg. 1995);
 G. Lerner: Frauen u. Gesch., Bd. 2: Die Entstehung des feminist. Bewußtseins. Vom MA. bis zur ersten Frauenbewegung (a. d. Engl., Neuausg. 1995);
 
Weibl. Moral. Die Kontroverse um eine geschlechtsspezif. Ethik, hg. v. G. Nunner-Winkler (Neuausg. 1995);
 C. Pinl: Das faule Geschlecht. Wie die Männer es schaffen, Frauen für sich arbeiten zu lassen (Neuausg. 21996).

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Frau|en|for|schung, die <o. Pl.>: Forschung u. Lehre, die ausdrücklich von weiblichen Bedürfnissen, Sichtweisen u. Interessen ausgeht und sich mit der Untersuchung von Themen beschäftigt, die Frauen betreffen: ist das erklärte Ziel in allen Wissenschaftsdisziplinen das Interesse für F. zu wecken (Tagesspiegel 20. 10. 85, 47).

Universal-Lexikon. 2012.

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